Mittwoch, 12. Mai 2010

Konfrontationstherapie

Was hatte sie getan?
Sie wusste nicht, wo sie sich befand. Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war das Gespräch mit dem Doktor in der Klinik, einem wunderschönen Herrenhaus im Jugendstil. Sie hatte dort vor wenigen Tagen ein Zimmer bezogen mit Ausblick auf die große Gartenanlage mit ihrer bemerkenswerten Skulpturensammlung. Als Kunsthistorikerin war sie begeistert gewesen von den Statuen. Der Doktor hatte ihr erklärt, er sein ein leidenschaftlicher Sammler. In diesem Garten konnte man hunderte von Skulpturen finden aus allen möglichen Epochen, Nachbildungen aber auch Originale von zeitgenössischen, unbekannten Künstlern. Alle Skulpturen waren Auftragsarbeiten und hatte eine besondere Bedeutung für den Doktor, hatte er erzählt. Sie freute sich schon darauf, den Garten während ihres Aufenthalts in der Klinik genauer zu studieren. Zumindest hoffte sie, dass ihr Problem sie bald nicht mehr daran hindern würde, länger dort zu verweilen.
An ihrem dritten Tag in der Klinik hatte ihr Beratungsgespräch statt gefunden. Dabei wurde die Behandlungsmethode besprochen. Dann hatte sie die Einverständniserklärung unterschrieben und dann... dann war sie hier aufgewacht.

Ihr ganzer Körper schmerzte und ihr Kopf drohte zu explodieren. Ihre Augen brannten furchtbar, so dass sie sie zunächst nicht zu öffnen wagte. Was ihr vorkam wie eine Ewigkeit, konnte sie nichts anderes wahrnehmen als den Schmerz. Als dieser nach und nach abebbte, öffnete sie langsam die Augen... und geriet in Panik. Sie konnte nicht sehen. Immer wieder schloss und öffnete sie die Augen, in der Hoffnung, das wäre alles nur ein Missverständnis. Doch das Resultat blieb immer gleich. Sie wusste nicht, was sich um sie herum befand. War sie noch in der Klinik? In ihrem Zimmer dort? Was er Tag oder Nacht? War das Zimmer abgedunkelt oder hatte sie ihr Augenlicht verloren? War sie allein oder war noch eine andere Person im Raum?
„Hallo?“ … „Ist da jemand?“
Sie bekam keine Antwort. Plötzlich erinnerte sie sich an all die Horrorfilme aus ihrer Jugend und ihr Herz begann heftiger zu schlagen. Ihr Atem beschleunigte sich, Panik drohte die Oberhand zu gewinnen. Außer ihrem Herzschlag und Atem konnte sie nichts hören. Oder waren da doch Laute, die nur von den Geräuschen ihres Körpers übertönt wurden? Sie zwang sich, ruhiger zu werden und konzentrierte sich völlig auf ihre Umgebung. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte nichts erkennen, kein Licht, keine Konturen. Selbst wenn sich sich die Hand vors Gesicht hielt, konnte sie diese nicht sehen. Sie begann, nach Geräuschen zu horchen, doch auch da hatte sie keinen Erfolg. Um sie herum war es totenstill.
Sie versuchte, sich aufzurichten und es gelang ihr. Vorsichtig stand sie auf und fing an, den Raum mit ihren Händen zu erkunden. Der Raum war nicht besonders hoch, sie konnte die Decke mit ihren Fingerspitzen ertasten. Auch war gerade genug Platz für sie darin, denn sie konnte kaum 2 Schritte tun, bevor sie an eine Wand gelangte. Mit einem Mal bekam sie Platzangst. Sie verstand das nicht, was ging hier vor? Sie wusste nicht, wie lange sie schon hier war. Sie begann an die Wände zu hämmern und um Hilfe zu rufen, bis ihre Hände sich taub anfühlten und ihre Stimme versagte. Sie kauerte sich in eine Ecke des Raumes. Eine Erkenntnis sickerte zu ihr hindurch und sie konnte ihre Panik nicht mehr zurück halten. Es gab keine Tür und auch keine Fenster. Die Luft kam ihr plötzlich sehr dünn vor. Sie konnte nicht mehr klar denken, wollte nur, dass dieser Albtraum endlich endete.
Minuten vergingen oder Stunden, sie konnte es nicht sagen. Wie apathisch saß sie in der Ecke und starrte vor sich hin. Auf einmal nahm sie etwas wahr. Ein kühler Luftzug und ein Hauch von einem Parfüm, dann war der Augenblick vorbei. Doch etwas hatte sich verändert. Sie wusste, sie war nicht mehr allein. Es konnte kein anderer Mensch sein, dafür war der Raum zu klein und sie konnte immer noch kein fremdes Geräusch ausmachen. Aber etwas war hier, das spürte sie.

Es traf sie wie ein Schlag. Mit einem Mal begriff sie, was vor sich ging. Ein Gefühl der Erleichterung wurde schlagartig durch blanke Angst ersetzt. Er hatte ihr erklärt, was er tun würde. Er hatte ihr von den Risiken erzählt. Doch erst jetzt begriff sie das Ausmaß ihrer Entscheidung. Erst jetzt wusste sie, was es bedeutete. Nur war es zu spät. „Kein Zurück“, hatte er gesagt. Allmählich bereute sie ihre Zusage.Sie wusste, was hier geschah, doch es versetzte sie in Todesangst.
Verzweiflung überkam sie. Sie war noch nicht soweit. So hatte sie sich das ganze nicht vorgestellt. Aber es gab keine Zweifeln mehr. SIE waren hier.
In diesem Moment hörte sie das leise Klacken, das ihr eine Gänsehaut bereitete. Sie hörte es auf sich zukommen. Für andere wäre das Geräusch kaum hörbar, doch für sie war es präsent, laut und deutlich. Es widerte sie an, ließ sie am ganzen Körper erzittern. Sie presste sich so fest an die Wand, wie sie nur konnte. Doch so sehr sie sich auch dagegen stemmte, die Wand gab nicht nach. Nun hörte sie das verhasste Geräusch von allen Seiten, sogar von oben. Sie konnte nirgendwohin entfliehen. Es war als nähmen SIE ihr alle Luft zum atmen. Ihre Muskeln waren angespannt und sie fühlte sich wie in einer Druckkammer, in der sie langsam zerquetscht wurde.
Doch es war alles nur ihre Schuld, es war ihr Kopf. Ihre Angst und Panik lähmten sie und erdrückten sie. Sie musste dagegen ankämpfen, deswegen war sie hier. Sie konnte es schaffen, musste es schaffen...

Doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. So sehr sie sich auch einredete, dass alles nicht so schlimm sein, die Bedrohung war da, sie war umzingelt. Und als sie die erste Berührung auf ihrer Haut spürte, löste sich ein schriller Schrei in ihrer Kehle. Der Schrei zog sich in die Länge, während sie die Chitinpanzer, die dünnen Beinchen und die Fühler überall auf ihrem Körper fühlte. Doch der Schrei, so laut er auch war, konnte das klackende und schwirrende Geräusch der Flügel nicht vertreiben. Sie hörte es überall im Raum, sogar ganz nah an ihrem Ohr und vor ihrem Gesicht. Sie hielt es nicht mehr aus. Als ihr vom Schreien der Atem ausging, schnappte sie hastig nach Luft und dabei flog eines dieser Monster in ihren Mund. Seine Flügel saugten sich an der Luftröhre fest.Sie versuchte zu husten, doch es gelang ihr nicht. Sie röchelte, Tränen rannen über ihre Wangen. Sie riss die Arme hoch, versuchte die ekelhaften Tiere abzuschütteln und zu verscheuchen. Sie krabbelten und flogen überall, auch in sie hinein. Sie bekam keine Luft... langsam verlor sie das Bewusstsein...

Er grinste. Seine Sammlung war nun komplett. Sein größtes Meisterwerk war vollendet. Mit ihrem Leichnam auf den Armen trat er in den Garten hinaus. Welch glücklicher Zufall, dass ausgerechnet eine Kunsthistorikerin sich diesmal auf seine Anzeige gemeldet hatte. Wenn sie ihr Grab sehen könnte... sie würde es verstehen. Für das Herz des Gartens hatte er sich eine besondere Skulptur ausgesucht. Langsam durchschritt er die Hauptallee, die von seinen geliebten Statuen gesäumt war. Links war der Perseus mit dem Haupt der Medusa für die Frau mit Schlangenphobie. Zu seiner Rechten die minimalistische Skulptur eines unbekannten Künstlers, die einen kleinen Quader in der Größe eines Spielwürfels auf einem mannshohen Sockel zeigte, für den Jungen mit Klaustrophobie. Und vor ihm... ihr Grabmal. Er legte sie vorsichtig in das Loch am Fuße der Statue und begann, Erde über sie zu schaufeln. Nach getaner Arbeit blickte er hoch zu der überlebensgroßen Skulptur von Psyche, in ihrer Hand hielt sie einen Schmetterling.

[Inspiriert von N]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen